Per Lastenrad zur letzten Ruhestätte – ein Tag mit Bestatter Jürgen Dahlfeld
E-Bikes sind mehr als nur motorisierte Fahrräder. Sie übernehmen immer öfter Fahrten, die sonst mit dem Auto getätigt worden wären. Ein eindrucksvolles und ungewöhnliches Beispiel für den E-Bike-Einsatz haben wir in Kassel besucht: den Bestatter Jürgen Dahlfeld.
Fahrradheld:innen
Februar 2026
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Jürgen Dahlfeld vom Bestattungsinstitut „das Zeitliche segnen“ in Kassel nutzt für seine Fahrten ein maßgefertigtes elektrisches Lastenrad, wenn die Angehörigen es wünschen. Dahlfeld, begeisterter Radfahrer, fuhr bereits vor mehr als zehn Jahren regelmäßig zu Kundenterminen mit dem Fahrrad und fragte sich:
Darf ein Bestatter Fahrrad fahren?
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Auf Wunsch per Lastenrad zum letzten Geleit
Als er dann auf das Foto einer Bestatterin aus Kopenhagen stieß, die per Lastenrad Särge transportierte, ließ ihn die Idee nicht mehr los. Er ließ sich ein Lastenrad mit starkem Motor anfertigen, was bei einem hügeligen Terrain wie dem in Kassel auch notwendig ist.
Seitdem bietet sein Bestattungsinstitut auch an, die letzte Fahrt auf dem Lastenrad zu machen. Für Dahlfeld ist wichtig: mit der Option des Lastenrads möchte er Möglichkeiten aufzeigen, ohne zu bevormunden. Nicht er entscheide, sondern seine Kunden und Kundinnen. „Nicht ich weiß, wie es richtig ist, sondern die Angehörigen finden ihren Weg. Ich mache nur Vorschläge.“
Ein Kasseler Startup fertigte für mich ein Modell in Überlänge: ein Einzelstück mit vier Rädern, starkem Motor und langer Ladefläche, speziell für die Anforderungen meines Berufs.

Das E-Bike als echte Alternative – in allen Lebensbereichen
Auch wenn ein Bestattungslastenrad zugegebenermaßen zunächst ein ungewöhnlicher Ansatz ist: Es steht doch für einen Trend, den Forschende bereits seit Jahren beobachten. Das motorisierte Fahrrad wird zunehmend zu einer relevanten Alternative für den PKW-Verkehr. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Universität Wuppertal: bis zu 43 Prozent aller E-Bike-Fahrten ersetzen hierzulande Autofahrten, in zurückgelegten Kilometern umgerechnet sind es über 60 Prozent. Das überraschte auch die Autor:innen einer neuen Studie um Dr. Leonard Arning.
E-Bikefahrer:innen legen längere Strecken zurück als konventionelle Radfahrer:innen. Außerdem lassen sie sich weniger von schlechter Radverkehrsinfrastruktur abschrecken und nutzen öfter Wege, bei denen die Radler:innen auf Bio-Bikes aufgrund von schlechten Bedingungen auf andere Verkehrsmittel umsteigen würden.

Das E-Bike ist mehr als ein schnelles Fahrrad
E-Bike statt Autofahren – diese Beobachtung steht in deutlichem Kontrast zu Beobachtungen aus anderen Ländern, wo E-Bike-Fahrten vornehmlich Fahrten mit konventionellen Fahrrädern ersetzen. Deswegen schlägt Mobilitätsforscher Arning vor, E-Bikes als eigene Fahrzeugkategorie zu denken – und in die Verkehrsplanung mit einzubeziehen. Immerhin sind in Deutschland mittlerweile über 15 Millionen E-Bikes unterwegs, vom Pendlerrad über elektrische Mountainbikes bis hin zu Cargobikes für den Berufsalltag.
E-Bikes werden häufig als eine Art schnelleres Fahrrad kategorisiert, aber das wird ihrer tatsächlichen Nutzung nicht gerecht. Wir haben in unserer Forschung festgestellt, dass sie eigene Charakteristika haben, zum Beispiel ganz andere Nutzungsmuster oder Präferenzen bei der Auswahl von Fahrstrecken.

Menschen sind Gewohnheitstiere – auch bei der Wahl des Verkehrsmittels
Was Arning beobachtet: oftmals wird die Wahl des Verkehrsmittels rein intuitiv getroffen, weniger rational denn aus der Gewohnheit heraus. „Das E-Bike hat jedoch vermutlich schon das Potenzial, solche Muster zu durchbrechen und mehr Leute zum Radfahren zu motivieren“, so Arning.
Auch Jürgen Dahlfeld in Kassel ist überzeugt, dass er sein Projekt eines Bestatter-Lastenrads ohne seine persönliche Leidenschaft für das Fahrrad nicht realisiert hätte. Hinter seinem Angebot steckt eine besondere Philosophie: „Mir geht es darum, den Angehörigen Raum und Zeit zu geben und sie in jeder Phase einzubinden. Menschen sollen nicht das Gefühl haben, dass alles schnell und anonym abgewickelt wird. Das Fahrrad bedingt einen etwas langsameren letzten Weg, den Familie und Freunde auf Wunsch auch gerne begleiten können.“
Das Bestattungsrad bewegt – in vielerlei Hinsicht
Auch wenn das Lastenrad in Dahlfelds Bestattungsinstitut nur eine von vielen Optionen darstellt, musste er dafür bereits viel Kritik aushalten. Doch die bewegenden Momente überwiegen, wie er erzählt:
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Eine der bewegendsten Fahrten war die für eine verstorbene junge Frau. Ihre Schwestern wollten die letzte Reise mit eigenen Rädern begleiten, der kleine Neffe im Anhänger. Immer mehr Familienmitglieder schlossen sich an, sogar die Großeltern. Eine der Omas konnte selbst nicht mehr fahren und setzte sich mutig auf meinen Beifahrersitz. Es war tief berührend, sie dort neben mir sitzen zu haben, wie sie ihre Enkelin die letzte Strecke begleitete.
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Personen
Jürgen Dahlfeld ist Bestatter und Schreiner aus Kassel, Jahrgang 1962. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und Großvater von drei Enkelkindern. Seit rund 15 Jahren führt Dahlfeld das Bestattungsunternehmen „das Zeitliche segnen“ in Kassel. Es liegt ihm besonders daran, den Angehörigen Zeit und Raum für eine persönliche Abschiednahme zu geben.
Seit Frühjahr 2023 bietet er eine besondere Form der Überführung an: Mit einem eigens für diese Aufgabe vom Kasseler Start-up „Veload“ konzipierten Bestattungsfahrrad können Verstorbene auf Wunsch klimafreundlich und sichtbar in Begleitung der Angehörigen zum Friedhof gebracht werden. Damit setzt Dahlfeld ein Zeichen für Nachhaltigkeit und einen offenen Umgang mit dem Thema Tod.
Dr. Leonard Arning ist Mobilitätsexperte im Ingenieurbüro SSP Consult in Köln und arbeitet dort an Mobilitätslösungen für die Verkehrsplanung der Zukunft. Zuvor war Arning Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet Radverkehr der Bergischen Universität Wuppertal und hat dort zusammen mit Rad-Professorin Heather Kaths eine E-Bike-Studie durchgeführt, aus der im obigen Text zitiert wird.
Arning, L., & Kaths, H. (2025). Further, steeper, greener: Implications from an electric bicycle mode choice model. International Journal of Sustainable Transportation, 19(11), 979–994.
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Verkehrswende findet überall statt: Ein Besuch bei Bestatter Jürgen Dahlfeld, der Verstorbene in feierlicher Stille per Lastenrad zur letzten Ruhestätte bringt. Eine Fahrradhelden-Geschichte, die zeigt, dass E-Bikes eine ernstzunehmende Alternative zum Auto sind.

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